Die Revolution ist das größte, alles andere ist Quark.
Rosa Luxemburg

Donnerstag, Oktober 21, 2004

Durchlauferhitzer und Bastelbögen


Die Laster und Hängerburg in Friedrichshain bleibt vorerst / Kein Geld mehr für Sportplätze

Vor einem Jahr ging die Angst um auf dem Wagenplatz Laster und Hänger: Eine Nachricht geisterte durch Kiez und Medien: Der Berliner Senat wolle Gelder für die Sanierung des Boxhagener Platzes locker machen, im Gegenzug dazu sollte das Gelände Revaler- Ecke Gärtnerstraße zu einem Sportplatz, bzw. einer "Bewegungsfreifläche" umgestaltet werden. Auf genau diesem Gelände befindet sich seit 2001 die Wagenburg Laster und Hänger. Eine Sportplatzplanung gab es für dieses Gelände schon seit DDR-Zeiten, weshalb vor allem altansässige Familien auf den offenen Sportplatz heiß sind.

Aus Angst, den Platz ohne passende Ausweichmöglichkeit zu verlieren luden die Wagenbewohner gestern zu einer Bürgerversammlung in die Modersohn Grundschule. Ziel war es, sich als soziale Nachbarn vorzustellen, ihr freiwilliges soziales Engagement zu zeigen und ihre wichtige Stellung als Anlaufstelle für sozial Benachteiligte und Jugendliche klarzumachen.
sdf
Das wollte hier aber nicht jeder hören. Zwei Elternpaare waren gekommen, um ihrem Unmut über die Unerträgliche Situation für ihre Kinder Luft zu machen: In Friedrichshain gibt es zu wenig Grünflächen und frei zugängliche Sport- und Freizeitflächen. (Das ist der Fakt.) Die Laster und Hänger würden diese Familien verdrängen, nur um selbst in der Innenstadt zu bleiben. (Das ist die Wut) Schuld seien nicht Politik und Stadtplaner, nein Laster und Hänger besetzen die letzten grünen Ecken um ihrer eigenen Freiräume willen.
Der Grüne Baustadtrat Franz Schulz machte durch gezielt undurchsichtig schöne Sätze den Pöbel aus Bauwagen und Mietshäusern Mundtod. Er erklärte die juristischen Schritte eines Planungsverfahrens und suggerierte, dass es bald (ab 2006) weder Wagenplatz noch öffentliche "Bewegungsfreifläche" geben werde, sondern höchstens ein Vereins- und Schulsportplatz, wie er knapp 300m südwärts schon existiert. Fraktionsvorsitzender der SPD in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg Andy Hemke konterte darauf in verständlicher, aber nicht weniger perfider Rethorik dass das Geld sowieso verschenkt sei und es in absehbarer Zeit keinen Sportplatz gäbe. Die Gelder seien inzwischen nach Marzahn gegangen und der Bezirk könne aus eigenen Mitteln garnichts finanzieren. Auch der Wagenplatz verschwinde deshalb so schnell nicht. Die Altfriedrichshainer fanden das garnicht lustig: "uns wurde damals eine Grünfläche versprochen!"; die Wagenbewohner sahen garkein licht mehr und konterten: "Wer hat ihnen was versprochen?"; die Diskussion eskalierte in wilden Zwischenrufen vom Bankenskandal und Gelderveruntreuung weshalb die Bürger, die zum kennenlernen eingeladen waren provoziert den Raum verließen. Dann verlief die Debatte wieder gezielter und kreativer: eine Bürgerin fragte, wieso es nicht möglich sei eine der vielen anderen öffentlichen Brachflächen in Friedrichshain zu nutzen. Auf die fadenscheinigen Argumente des Baustadtrats ging nun niemand mehr ein. Die Diskussion ging auf die politische Ebene; und irgendwie wurde klar, dass Wohl und Wehe des Kiezes nun wirklich nicht von diesem Grundstück abhängt. Warum auch: keine 100m weiter stehen entlang der S-Bahnlinien mehrere Grundstücke frei, zwischen den Häusern im Rest des Bezirks klaffen überall Baulücken, die von Investoren spekulativ leergelassen werden. Die Bezirkspolitiker sind zu gefesselt an Jura und Konvention, als dass sie solche Potenziale erkennen könnten. Was Friedrichshain-Kreuzberg braucht ist kreatives, gemeinsames Bürgerengagement: für Grünflächen und Wagenplätze.