Die Revolution ist das größte, alles andere ist Quark.
Rosa Luxemburg

Dienstag, Oktober 17, 2006

"Neue" Armut oder klassenlose Gesellschaft?

Wenn ich sowas lese, werde ich das Gefühl nicht los, dass die Regierenden ganz schön nervös sind. Nun darf man nicht mal mehr "Unterschicht" sagen, ohne dass die SPD-Führung in Krise gerät. Man fragt sich da schon manchmal, welchen Bezug die Politiker zur Lebenswelt der Bevölkerung haben. Das Weltbild der SPD scheint jedenfalls wenig mit der Lebensrealität der Menschen zu tun zu haben. Zum Beispiel Franz Müntefering, der sich tatsächlich eine klassenlose Gesellschaft herbeihalluziniert:
"Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft."
Wie ist es dann bitte zu erklären, dass laut "Armuts- und Reichtumsbericht" der Schröder-Regierung 13,5% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben während zwei Drittel des gesamten Nettovermögens in der BRD auf die vermögensstärksten 20% der Bevölkerung konzentrieren?

Ob wir die Menschen nun "Prekariat" oder "Unterschicht" nennen, das Ergebniss ist das gleiche: leben unter der Armutsgrenze, keine ausreichend bezahlten Jobs, schlechte Wohnbedingungen usw., usf. Und natürlich gibts diese gesellschaftliche Gruppe, und natürlich stimmt es auch, dass Agenda 2010 samt Hartz-4 die Armut nicht bekämpfen sondern vergrößern, dh. Löhne drücken, Erwerbslose in prekäre Beschäftigungsverhältnisse zwingen, allgemein den Stand der Arbeitnehmer gegenüber Arbeitgebern schwächen. Da hilft auch nicht "Bildung, Bildung, Bildung!", wie es Frank-Dieter Karl (Friedrich-Ebert-Stiftung) fordert. Längst betrifft die neue Form der Armut nicht mehr nur die "bildungsfernen, benachteiligten" Gruppen. Die gut ausgebildete, diplomierte "Generation Praktikum" gehört genauso zum "Prekariat", wie der erwerbslose Sozialpädagoge oder der taxifahrende Germanist, der selbstständige Journalist und so weiter und so fort. Beim Thema Armut nur auf Neuköllner Hauptschüler zu schaun geht gewaltig an der Realität vorbei.

Ich würde jedem Politiker einfach mal ein Praktikum als Hartz-4 Empfänger empfehlen. Nur so, um mal wieder zu lernen, was in der Welt so passiert.

(Foto: eny-one)

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