Die Revolution ist das größte, alles andere ist Quark.
Rosa Luxemburg

Dienstag, Juli 04, 2006

Von Patrioten und anderen Idioten, linken Spaßverderbern und dem Comeback der Nation als Propaganda-Instrument

Ich hoffe doch inständig, dass wir heute gegen Italien rausfliegen. Nicht dass ich was gegen die deutsche Fußball-11 habe, ihr den Erfolg nicht gönnen möchte oder die italienische Mannschaft sypatischer fände, allein die schwarzrotgoldne Propaganda von Medien und Regierung geht mir ganz schön auf den Sack.

Denn währen Deutschland besoffen Wimpel schwingt wird sowohl die Nation als auch der Bundeshaushalt kräftig saniert. Vor zwanzig Jahren wurde einem noch kollektiv schlecht bei Nationalhymne und Flaggengeschwenke. Bundeswehrgelöbnisse wurden gestört und jeder, der von Patriotismus quatschte disqualifizierte sich selbst oder gehörte extrem rechten Gruppen an. Das Volk hieß Bevölkerung und konstituierte sich über einen angenehmen anti-Patriotismus.

Nun, 61 Jahre nach Auschwitz, vierzig Jahre nach APO, dreißig Jahre nach RAF und sechzehn Jahre nach der Wiedervereinigung scheint das nationale Projekt der konservativen abgeschlossen. Von einem "aufgeklärten Patriotismus" wird hier geschwafelt, von "Vaterlandsliebe" und der endlichen "normalisierung" des Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Nation. Kritiker, wie die GEW, die mit ihrer Neuauflage der Broschüre "Argumente gegen das Deutschlandlied" für Aufregung sorgen, werden als "linke Besserwisser" und Spaßverderber beschimpft.

Es ist nichts neues, dass sich die Menschen in Zeiten der Krise an die Nation klammern. Der globalisierte Kapitalismus bietet dem normalen Bürger nur Unsicherheit und Armenfürsorge, die Europäische Union ein verfilztes Geflecht undurchschaubarer Entscheidungsgremien. Als Ende der zwanziger Jahre die Weltwirtschaft zusammenbrach vertraute die Deutsche Bevölkerung weder auf Demokratie noch auf den Kommunismus, sie wählte einen Führer um sich an der Nation zu wärmen. Die Abkühlung kam für viele auf dem winterlichen Schlachtfeld von Stalingrad.

Jetzt - gut sechzig Jahre danach - scheint der Höhepunkt des nationalen Rollback gekommen zu sein. Seit Jahren vorbereitet durch Kampagnen und Popkultur ist es auch für linke kein Problem mehr "als deutsche Ganzkörperfahne aufzutreten". Im Schatten des nationalen Taumels wird indess das, was noch Wärmen könnte zusammengekürzt. Hartz 4 wird "optimiert", die Mehrwertsteuer "angepasst", das Gesundheitswesen "reformiert". Die Propaganda der Bundesregierung geht auf: die Deutschen sind besoffen und sie können in aller Ruhe den Sozialstaat zusammenstreichen. Vor allem deshalb fiebern Merkel, Schäuble, Münte und Co so verbissen auf der VIP-Tribüne mit der deutschen Nationalmannschaft. Wenn die Elf rausfliegt könnte es vorbei sein mit dem schwarzrotgoldenen Alkoholtrip. Was kommt ist ein heftiger Kater und soziale Kälte, denn auch der nationale Taumel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sichere Arbeitsplätze rarer werden, dass Löhne gekürzt werden und Hartz-4 kaum zum Überleben reicht.

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