Die Revolution ist das größte, alles andere ist Quark.
Rosa Luxemburg

Donnerstag, Mai 10, 2007

Zugeschlagen: Kontrolle und Prävention richten sich gegen die Demokratie

Es ging schonmal demokratischer zu: Gestern morgen haben - wie überall berichtet - 900 Polizeibeamte ca. 40 linke Projekte und Privatwohnungen durchsucht. Die offizielle Begründung: Verdacht auf Gründung einer Terroristischen Vereinigung. Betroffen ist nicht nur die Infrastruktur der Anti-G8-Bewegung (hier insbesondere der Flügel, welcher sich nicht reformistisch, sondern radikal gibt). Betroffen ist die Demokratie insgesamt. Abgesehen davon, dass sich der Verdacht in vielen Projekten wohl kaum aufrecht halten lässt, beweist die Staatsmacht ihren Kontrollanspruch. Zwischen den Schlagzeilen waren denn auch andere Töne der Sicherheitsbehörden zu lesen, so wird bei Spiegel Online ein Ermittler wie folgt zitiert:

"Wir haben in den Busch geschossen, nun sehen wir weiter, was und wer sich dort bewegt", sagte ein Ermittler. Sicherheitsexperten werden mit den Worten zitiert, man habe "Flagge zeigen" wollen, dass die Polizei die Vorbereitungen zu allerlei Widerstandsaktionen beobachte.
Es wurde also in den Busch geschossen um zu sehen wer und was sich dort bewegt. Genauso könnte man ein zufällig ausgewähltes Wohnhaus überfallen, nur um zu schaun, ob nicht doch jemand nervös wird; ob nicht doch einer eine Leiche im Keller hat - irgendwo müssen sie ja stecken - die verhassten Terroristen. Dass man "allerlei Widerstandsaktionen beobachte" hätte man auch anders zeigen können.

Egal, wie man zu Globalisierungsgegnern und deren Bewegungen steht - die Durchsuchungen sind eine klare Ansage an alle: Wer aufmuckt muss damit rechnen, dass eines Tages die Bullen vor der Tür stehen. Der Kontrollstaat möchte eine Duckmäusergesellschaft erzeugen. Das ist nichts neues, wie etwa durch die Observierung des Berliner Sozialforums durch den VS gezeigt hat, die Aktionen gestern machen es nur einmal mehr deutlich. Ob diese Rechnung aufgeht, darüber lässt sich streiten: die Anti-G8-Bewegung hält der Aktion ein "Jetzt erst Recht" entgegen. Allein in Berlin waren gestern abend ca. 5000 Menschen auf der Spontandemo gegen die Hausdurchsuchungen - so viele, wie linke Gruppen lange nicht mehr mobilisieren konnten.

Wohin das ganze führen soll, erklärte Horst Teltschik, Organisator der Münchner Sicherheitskonferenz, bereits im Februar:
"Es ist die Tragik jeder Demokratie, dass bei uns jeder seine Meinung öffentlich vertreten darf und dass man politisch Verantwortliche in einer Demokratie schützen muss. In Diktaturen würde so etwas nicht passieren."
Redefreiheit ist also eine tragische Begleiterscheinung der Demokratie. Wir brauchen endlich eine funktionierende Diktatur. Schäuble und Co. arbeiten hart daran.

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Freitag, April 20, 2007

Workaholic und das JobCenter

Dass man mit Erwerbslosen viel Kohle machen kann habe ich bereits erwähnt. Wie eine private Arbeitsvermittlung mit Amtshilfe an ihre Kunden kommen möchte wird bei Indymedia berichtet. Workaholic ist dann auch eine dieser Firmen, die die Angebotsseite der Arbeitsagentur zuspammen. Da sach ich nur: Arbeit verweigern - Vermittlungsgutschein ins Klo, Ladendiebstahl sowieso. Wär doch mal ein schöner Slogan für eine der vielen Demos um den ersten Mai.

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Mittwoch, April 11, 2007

Und plötzlich bin ich arm

Das haben ja schon einige probiert, als das Arbeitslosengeld II eingeführt wurde, meinten einige Journalisten den eingebetteten Reporter spielen zu müssen und sich auf das finanzielle Niveau des "Hartz-IV-Empfängers" begeben zu müssen. Klar, dass der wöchentliche Theaterbesuch, das Mittagessen im Borchert oder der Urlaub in Italien ausfallen müssen. Emanzipation oder Barbarei macht auf eine weitere zynische Aktion aufmerksam: Bürgerfamilie Schawohl fastet als Hartz-IV-Familie. Die armen kleinen können nicht mehr zum Musikunterricht und auf dem Abendbrottisch gibts wohl nur noch trocken Brot und an Feiertagen eine Gemüsebrühe. Die Perspektive, die in dem Artikel eingenommen wird, ist die typisch bürgerlich-kapitalistische:

Das Fazit aber steht schon fest: Mit Hartz IV auszukommen, das sei "eher überleben als leben", findet Lennart. Alles, was der Horizonterweiterung diene, ob Bildung, Kultur oder das Gespräch mit Freunden, werde erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Das Selbstwertgefühl nehme ab, die Wertschätzung durch andere auch.


Einleuchtend, dass Kultur oder Bildung Geld kosten welches nur mit Abstrichen in anderen Bereichen ausgeglichen werden kann. Warum der Kontostand dem Gespräch mit Freunden im Weg steht ist mir nicht klar. Mit den falschen Freunden, die wegen der Kohle ihre Wertschätzung lieber anderen entgegenbringen, würde ich mich sowieso nicht mehr unterhalten. Vielleicht hätte Papa Schawohl mal in eine Trinkhalle gehen sollen um mit Menschen seinesgleichen zusammen zu sein. Wahrscheinlich wäre er aber verprügelt worden, wenn er verraten hätte, dass dies alles nur ein "Planspiel" sei. Denn schließlich: "Am Ostersonntag gab es dann endlich die lange vermissten Croissants."

Ich will den Lebensstandard mit ALG-II ja nicht beschönigen, es ist sicher kein Luxus. Allerdings lebe ich - eher unfreiwillig - genauso wie Familie Schawohl auch seit Aschermittwoch mit 345 Euro + Miete - nur dass es am Ostersonntag nicht vorbei war. Zugegeben, eine Altbauwohnung mit Ofen ist nicht jedermanns Sache, auf meine Sonntagscroissants muss ich dennoch nicht verzichten. Auch an Kultur mangelt es nicht und Essen kommt bei mir grundsätzlich aus dem Bioladen.

Vielleicht wäre ein kleiner Perspektivwechsel nötig: klar kann man mit dem entsprechenden Geld alles kaufen. Die Frage ist nur: ist es nötig? Genau diese Frage hätte sich Famlilie Schawohl beantworten können: Mit ein wenig Selbstorganisation lassen sich viele Dinge ohne (viel) Geld beschaffen. Bücher muss man nicht kaufen, man kann sie borgen. Lebensmittel können in Einkaufgemeinschaften organisiert werden; oder in Kooperation selbst produziert. Statt Kultur nur zu konsumieren, kann auch diese selbst gestaltet werden. Ein Tag am Baggersee kann spannender und erholsamer sein, als der Pauschalurlaub von TUI. Statt nach immer mehr Geld zu rufen, wäre es eine bessere Perspektive zu überlegen wie man möglichst unabhängig von der Geldlogik werden kann. Netzwerke, wie das Leihnetzwerk oder NutzerInnengemeinschaften zeigen erste Möglichkeiten auf. Viel mehr Ideen und Projekte werden im Anders Leben-Wiki gesammelt. Dass eine solche Perspektive für den Mainstream schwer ist, ist mir klar. Ich will allerdings kein Mitleid mehr - weder von Kleinbürgern die Hartz IV spielen, noch von Journalisten die meinen, sich an den "Rand der Gesellschaft" zu begeben. Klar will ich "Alles" und klar "umsonst". Das muss aber organisiert werden - die kapitalistische Gesellschaft wird mir's sicher nicht geben.

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Mittwoch, März 28, 2007

Zwischenergebnis: Worn Again Sneaker im Test (Faire Schuhe Teil 4)

Als politisch und gesellschaftlich korrekt handelnder Mensch kauft man fair gehandelten Kaffee im Bioladen, druckt auf Umweltpapier und hat natürlich einen "Keine Werbung!"-Aufkleber am Briefkasten. All das hab ich auch. Letztes Jahr hab ich mir sogar mein erstes Paar Fair-Trade-Schuhe gekauft - und zwar von AntiApathy und TerraPlana im Shop von Fair Wear.

Die Worn Again Escape Vegan sind Vegan und werden unter hoffentlich halbwegs guten Arbeitsbedingungen aus recyclingmaterial in China hergestellt. Nun soll also ein erster Zwischentest erfolgen, denn was fair und teuer ist muss noch lange nicht die Qualität haben, die man von anderen Unternehmen gewohnt ist (die es mit Arbeiterrechten nicht ganz so ernst nehmen).

Die Schuhe nach 3-monatigem tragen: das Innenfutter ist aufgerissen und die Einlegsohle rollt sich zur Wurst.


Also, ich hab die Schuhe insgesamt vielleicht 3 Monate getragen, also 2 Monate im letzten Herbst, ca. 1 Monat bei schönem Wetter nun im Frühling. Da die Schuhe aus Stoff sind, sind sie unter den momentanen klimatischen Bedingungen nur eingeschränkt für unsere Breitengrade geeignet. Aber das mit dem Klima wird der Kapitalismus schon noch richten. Jedenfalls sind es gute, leichte Sommerschuhe. Das Innenfutter beginnt leider schon zu reißen, da es aus relativ dünnem (T-Shirt?-) Stoff besteht. Auch die Einlegsohle hat sich vorn schon zur Wurst gerollt. Die Nähte sind allesamt noch intakt und rein äußerlich gibt es noch keine Probleme.

Im groß und ganzen gefallen mir die Schuhe immer noch, vor allem weil sie gut aussehen und leicht sind. Wer allerdings eine lange Haltbarkeit erwartet (die ich erwarte, wenn ich 89 € für Schuhe ausgebe), ist wahrscheinlich nicht gut bedient. Ich gebe dem Paar Schuhe noch den Sommer, dann werden wahrscheinlich neue nötig sein.

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Montag, März 26, 2007

Arbeitspflicht mal wieder

Passenderweise auf dem Weblog Emanzipation oder Barbarei findet sich der Hinweis auf ein neues-altes Konzept von Michael Glos, das Zwangsarbeit für alle Empfänger von Sozialleistungen vorsieht. Ich erspare mir hier jetzt ein Kommentar, denn ich hab dort einen gepostet.

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Montag, Februar 12, 2007

Jobbörse gegen Niedriglöhne

Das Erwerbslosenforum richtet sich gegen den umfassenden Sozialabbau, im speziellen was die Situation erwerbsloser Menschen betrifft. Seit kurzem bietet es aus diesem Grund eine Stellenbörse an. Keine gewöhnliche Stellenbörse, sondern eine, die den Ansprüchen Erwerbsloser entspricht: inserieren darf nur, wer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit einem Mindestlohn von 8 Euro/Stunde bietet. Leiharbeitsfirmen und Personalvermittler haben hier Hausverbot. Damit richtet sich das Erwerbslosenforum gegen Lohndumping und den sich ausbreitenden Niedriglohnsektor.

Bezeichnend ist, dass in der Stellenbörse noch kein einziges Angebot zu finden ist (12.2.2006). Ok, ok, die Börse hat auch erst aufgemacht. Inwiefern sie für Arbeitssuchende tatsächlich zur Hilfe wird, wird sich zeigen. Denn immerhin gibt es genug Angebote, in denen Arbeitgeber zu ihren Bedingungen inserieren dürfen.

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Freitag, Februar 02, 2007

Kleine geile Firmen - Kohle machen mit dem Arbeitsamt

Seit der Arbeitsmarktreform (in vulgo "Hartz-Reformen") ist das Quasi-Monopol des Arbeitsamts zur Job-Vermittlung beseitigt. Zahlreiche private Arbeitsvermittler tummeln sich auf dem Markt und buhlen um Vermittlungsgutscheine. Wie man hier leicht richtig Geld machen kann, das funktioniert so:

Man mache sich selbständig und gründe eine kleine geile Firma zur Arbeitsvermittlung. Dazu braucht man keine Qualifikationen, einzig Netzwerkfähigkeiten sind Vorraussetzung, da man irgendwie an Jobs für seine Klienten rankommen muss. Nun bewirbt man seine Firma mit diversen Werbeflunkereien. Immer mehr Unternehmen sourcen die Arbeitskräftesuche aus - und genau das ist der Markt auf dem wir uns bewegen.

Wenn man einen Unternehmer kennt, wird es noch einfacher. Aber dazu weiter unten. Erstmal sei das Prinzip erklärt: Arbeitslose Arbeitssuchende, die bei der Agentur für Arbeit gemeldet sind, erhalten auf Antrag einen Vermittlungsgutschein. Dieser hat einen Wert von 2000 Euro und kann bei einem beliebigen Arbeitsvermittler eingelöst werden. Sobald der Arbeitssuchende die Stelle angetreten und mindestens 6 Monate gearbeitet hat wird die erste Rate fällig: 1000 Euro landen auf dem Konto des Arbeitsvermittlers. Nach einer 6-Monatigen Beschäftigungsdauer kommen dann die restlichen 1000 Euro dazu. Zweitausend Eier für einen Job.

Unter der Rubrik "Soziales" in der Jobbörse von MeinBerlin.de findet sich kaum noch ein Eintrag, der nicht von einer privaten Arbeitsvermittlung gemacht wurde.

Wie machen wir nun richtig viel Kohle ohne viel Arbeit? Du kennst ein Unternehmen mit hoher Personalfluktuation? Also ein richtig mieses Unternehmen? Dann biete dem Chef folgendes Modell an: Du sorgst für regelmäßigen Personalnachschub, und ihr teilt euch die Kohle. Die Arbeitskräfte müssen nur 6 Wochen arbeiten, dann werden sie ausgetauscht. Für Nachschub sorgt der Arbeitsmarkt von allein, für Geld der Steuerzahler mit dem Gutscheinsystem. Jetzt brauchst Du nur noch Anzeigen zu schalten. Und nicht vergessen: "NUR MIT VERMITTLUNGSGUTSCHEIN".

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Samstag, Januar 20, 2007

Aus dem Center (1)

Ich hatte euch ja versprochen in Zukunft aus dem JobCenter zu berichten. Nun denn solls wohl auch so sein. Ab Februar gehöre ich zu den ca. 5,2 Millionen Leistungsempfängern nach SGB-II (also Arbeitslosengeld II oder nennt es meinetwegen "Hartz-4"), zumindest wenn nicht doch noch ein Job dazwischen kommt. Mein erster Auftitt im JobCenter Friedrichshain Kreuzberg war also am Donnerstag, schließlich wollte ich meinen Antrag so früh wie möglich abgeben, damit dann auch alles reibungslos klappt.

Und ich muss sagen, entgegen allen Vorurteilen herrschte dort eine ganz okaye Atmosphere. Natürlich muss man - wie bei jeder Behörde - einige Wartezeit mitbringen. Etwas demütigend finde ich auch die lange Schlange, die gebildet werden muss, weil anscheind kein Geld für Nummern-Kästen vorhanden ist. Das Bild der Schlange-Stehenden Arbeitssuchenden erinnert dann doch schon an Fotos aus dem Geschichtsbuch (Abt. Frühkapitalismus). Aber sonst: Sachbearbeiterin freundlich und zuvorkommend. Nun wird sich zeigen, wie lange dieses Bild aufrecht erhalten werden kann. Aber zunächst bekommt das Center von mir 9 von 10 Behördenpunkten.

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Donnerstag, Januar 18, 2007

"The Corporation" als freier Download?

Phlow.net vermeldet heute, dass der durchaus sehenswerte Film "The Corporation" als freier, legaler Torrent-Download zur Verfügung steht. Leider scheints da ein Problem mit dem Tracker zu geben, zumindest gibts keine Peers und somit auch keinen Download. Wenn jemand was hört, sagts mal an. Ich hab den Film bisher nur zur Hälfte gesehen, da dann bei der inoffiziellen Vorführung der Laptop schlapp machte...

Im Film werden Wirtschaftsunternehmen mit der medizinischen Diagnose von Psychopathen verglichen, was durchaus erhellende und unterhaltsame Momente hat. Schön auch, dass nicht Manager oder einzelne Akteure als Täter, sondern der Kapitalismus als das falsche dargestellt wird.

Wenn nochmal nen legaler Torrent auftaucht, gibts hier auch nochmal nen Link. Ansonsten kann man ja auch mal in die Piratenbucht segeln.

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Samstag, September 09, 2006

Reduce your Footprint - Faire Schuhe (3)

Wie die Schuhe nach drei Monaten tragen aussehen, kannst Du dort lesen: HIER!KLICKEN!

Während wir heute fair gehandelten Biokaffee oder Schokolade an jeder Ecke kaufen können (sogar bei Edeka gibts extra Fairtrade-Marken), ist dies bei Kleidung schon komplizierter. Im Eine Welt Laden gibts dann höchstens mal Wickeltücher oder T-Shirts mit Ethnomuster. Wems gefällt...

Aber gerade Kleidung ist öfters Thema von Fair Trade-Kampagnen. Mode lebt von tollen Marken. Während die Marke (und die Marketingkampagne) in Europa oder den USA konzipiert wird, wird das Produkt letztendlich am anderen Ende der Welt gefertigt: klar in China, Guatemala oder Mexiko nimmt man es mit Arbeitsschutz, Gewerkschaftsfreiheit und anderen Arbeitnehmerrechten nicht so ernst und die Arbeitskraft ist billig. An einem fiktiven Schuh für 120 Euro verdient der Arbeiter im durchschnitts-Sweatshop gerade mal 60 ¢ent. Auf dieser Grafik wird deutlich, wohin die restlichen 119,40 gehen: Marketing, Handelsspanne, Markenfirma.

Bei all der Kritik an dieser Form der neoliberalen Wirtschaftsweise fehlte es lange Zeit an ernstzunehmenden Alternativen. Wie gesagt, wer den Ethnolook nicht mag, war aufgeschmissen. Zum Glück hat sich daran inzwischen einiges geändert.

Vor einem Jahr tat sich das erste Paar halbwegs stylischer "fairer Schuhe" auf. Die Black Spot Sneaker wurden von der Initiative AdBusters entworfen und zu vernünftigen Arbeitsbedingungen in Portugal produziert. Inzwischen gibt es einige Nachfolger: No Sweat, Veja und Antipathy Antiapathy bieten inzwischen fair produzierte Turnschuhe für verschiedene Geschmäcker.

Natürlich wäre es am vernünftigsten, man würde die Schuhe vor Ort unter mitteleuropäischen Arbeitsstandards produzieren. Marketingkosten würden minimiert, da das Label "Fair produziert" für viele schon einen ausreichenden Konsumgrund liefert. Transport- und damit Umweltkosten wären minimal und Arbeitskräfte stehen genug zur Verfügung.

Bis es soweit ist (das soll ein Aufruf sein, ein solches Unternehmen zu gründen, am besten genossenschaftlich organisiert. Ich bin leider nicht so der Unternehmer...) müssen wir die fair trade sneaker importieren.

Auf meiner Suche nach neuen Schuhen bin ich auf Fair Wear gestoßen, einem recht jungen Versandhandel mit fair gehandelter Street Wear. Das Angebot ist noch recht mager, reicht aber vom T-Shirt über Kaputzenpulli bis hin zu Schuhen. Ich habe den Escape Vegan bestellt, ein Schuh von Worn Again, der nebenbei auch noch Ressourcenschonend ist: Er besteht (laut Werbetext) zu 99% aus recycletem Material, im Kaufpreis sind außerdem 15 ¢ für Climate Care eingerechnet, einer Organisation, die ähnlich wie Atmosfair die beim Transport entstandenen Emissionen wieder "einspart".

Der Versand ging schnell, leider haben die Jungs mir die falsche Größe geschickt. Umtauschen war aber kein Problem (es gab sogar noch eine Tüte Bio-Gummibärchen als Entschuldigung). Über die Qualität kann ich noch nicht viel sagen: der Schuh sitzt gut und bequem und macht einen soliden Eindruck. Auf ihrer Website versprechen die Hersteller, dass sie die Schuhe kostenlos reparieren, wenn sie kaputt gehen. Wenn das mal kein Service ist.

Es gibt sie also inzwischen: die Alternativen zum Sweatshop-Swoosh. Fair Wear, Antiapathy und Co. werden damit zwar den Kapitalismus nicht abschaffen, bis es soweit ist geben sie allerdings die Möglichkeit zu einem fairen Austausch, bei dem man auch auf seinen persönlichen Style nicht verzichten muss.

Sascha von Fair Wear war so nett, mir ein paar Fragen per E-Mail zu beantworten:

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein Geschäft mit fair gehandelter Street Wear aufzuziehen?

So wirklich angefangen hat das durch die Mitarbeit an einer Wanderausstellung zu Arbeitsbedingungen in der Sportartikelindustrie und einer Magisterarbeit zum Thema Liberaliesierung der Textilmärkte. Besonders für die Ausstellung waren wir ständig auf der Suche nach Alternativen. Da gab es aber nur ganz wenig, dessen Style mir auch gefiel. Je intensiver ich mich mit dem Themenbereich auseinandergesetzt habe,
deesto größer wurde das Bedürfnis nach fairen Sachen. Zusammen mit der
Frage "Was tun als Sozialwissenschaftler nach dem Studium" entwickelte
sich die Idee fairer Streetwear immer weiter.

Warum soll ich als zufriedener Markenkunde auf fairtrade-Klamotten umsteigen?

Da gibt es viele Gründe. Natürlich vor allem politische: die miesen Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken und die ökologische Katastrophe. Die schlechten Arbeitsbedingungen haben natürlich auch Rückwirkungen auf die Arbeitsbedingungen hier. Wir sollen länger arbeiten, die Löhne sinken, die "Lohnnebenkosten" müssen runter. Das liegt einfach an der Konkurrenz, die wir selbst erzeugen, indem wir denken: "Billig, billig und billig muss es sein!"
Bei einem Marken-Turnschuh gehen 30% in die Marke und die Werbung, die
Arbeiterinnen bekommen nicht mal 1%. Dabei sind Markenklamotten teuer, oft teurer als unsere Sachen. Dabei sind sie oft auch noch mit Schadstoffen belastet, d.h. in meinen Augen ist die Qualität dadurch schlechter. Außerdem sind unsere Sachen anders als der Einheitsbrei der Modediscounter. Bei den Worn Again z.B. ist jede Sohle ein Unikat. Wenn es ab November die Möglichkeit gibt unsere Kollektion zu kaufen, können die KundInnen auch eigene Shirts in Auftrag geben, sogar Einzelstücke wenn sie wollen!

Müssen sich die Produzenten bei euch an bestimmte Standards halten? Woran erkennt man fair produzierte Kleidung? Gibt es Zertifikate?

Einen eigenen festen Standard haben wir noch nicht. Wir könnten es uns einfach nicht leisten, den auch unabhängig kontrollieren zu lassen. Allerdings legen alle Hersteller offen, wo sie produzieren (lassen) und wie viel die Leute in der Fabrik verdienen und welche Sozialleistungen sie bekommen. Das ist schon mal der größte Unterschied zu konvenzioneller Kleidung.
Einige Hersteller z.B. Worn Again sind zertifiziert, anderen glauben wir
einfach z.B. No Sweat. Wir schauen dann natürlich genau hin, dass das in unseren Augen fair ist. Im Einzelnen kann man das aber bei uns auf der Seite nachlesen.

Euer Angebot ist noch nicht besonders groß. Sind Fair Trade-Klamotten ein Nieschenprodukt? Wie sind die Tendenzen?

Unser Angebot ist auch deshalb so klein, weil wir so wenig Kapital haben.
Die Sachen stapeln sich zusammen mit unseren Schreibtischen auf 18m². Garagenbetrieb halt...
Als ich vor ca. 2 Jahren angefangen habe zu suchen, gab es in Europa so gut wie nix. Die meisten unserer Lieferanten sind in dieser Zeit entstanden. Jetzt gibt es immerhin etwas - mehr als wir uns leisten können vorzustrecken. Meiner Einschätzung nach boomt faire stylische Kleidung allerdings viel mehr als in Deutschland. Besonders England ist der Wahnsinn, da haben manche Kleidungs-Discounter auch Biojeans. Deutschland ist da einfach noch nicht so weit.

Meint ihr, dass fair gehandelte Kleidung so wie Kaffee oder Schokolade irgendwann die großen Handelsketten erreicht? Ist das überhaupt wünschenswert, oder sind Initiativen "von unten" wichtiger?

Puh, schwierige Frage. Das hängt natürlich von den KonsumentInnen ab. In anderen Ländern scheint das ja zu funktionieren. Insgesamt fänd ich es allerdings wichtig, dass sich die Konsumkultur insgesamt ändert. Lidl hat zwar fair gehandelten O-Saft, aber ob ich den auch noch wirklich fair nennen würde, wenn die Kassiererin den über den Scanner gezogen hat, weiß ich nicht. Von unten ist halt immer am besten. Ob sich das wirklich alle leisten können ist dann allerdings eine andere Sache.

Wie ist eure Kundenstruktur? Kaufen bei euch nur Globalisierungskritiker und andere Aktivisten oder auch der typische Niketräger?

Puh , dass weiß ich nicht. Wir bekommen ja nur die Leute zu Gesicht die bei uns vorbeikommen. Das waren bisher meist Freunde und Bekannte. Auf jeden Fall sind alle saunett. GlobalisierungskritikerIn, AnarchistIn, AntideutscheR oder alles zusammen zu sein hat mit "keine Nikes und nicht zu Aldi" ja nicht so viel zu tun. Ich habe übrigens auch ein Paar alte Nikes von meinem Mitbewohner abgeluchst - geile Teile, echt oldschool. ;-)

Habt ihr schon Feedback zur Qualität der Kleidung? (Halten die Fair Trade Sneaker genauso lange wie meine Vans?)

Bestimmt! Arbeiter, die mehr verdienen geben sich ja auch mehr Mühe, oder? Nee, mal im Ernst, FairWear gibt es ja erst seit 3 Monaten, da können wir noch nix sagen. Die einzigen Schuhe im Dauereinsatz sind bisher ein Paar No Sweat Sneaker. Die halten definitiv so lange wie Converse Chucks. Mit meinen Sachen bin ich auch super zufriefden. Alles andere macht einfach einen sauguten Eindruchk auf uns.

Arbeitet ihr mit anderen Importeuren fair gehandelter Kleidung zusammen? Gibt es mehr Händler dafür in Deutschland? Seid ihr vernetzt?

Momentan nur Vinzenz aus München. (www.vandill.com) Der importiert die No Sweat Sachen für uns, weil er deren Distributor für Mitteleuropa ist, hat in seinem Shop aber sonst keine fairen Sachen. (American Apparell nenne ich mal nicht fair...) Wir arbeiten gerade an Kooperationen mit Leuten, die in Zukunft Siebdruck auf unsere Shirts machen wollen. Soweit ich weiß, gibt es aber nicht so viel faire Kleidung in
Deutschland. Spontan fallen mir da LamuLamu und HessNatur ein. Die
verkaufen aber andere Sachen als wir.

ältere Beiträge zum Thema:

Faire Schuhe
noch mehr faire Schuhe

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